Review 2013: Industriebranche wird zum Techno-Tempel

Festival Industry of Sounds | Glasfabrik Bad Breisig

Bad Breisig. Der morbide Charme einer Industriebrache vermischt mit 120 bis 122 Beats pro Minute – das ist Techno pur. Das dachten sich die Organisatoren des ersten „Industry of Sounds Festivals“ auf dem Gelände der alten Apollinaris-Flaschenfabrik im Gewerbegebiet Goldene Meile.

Rund 1500 Fans der Musikrichtung fanden den Weg zu den angesagten Cracks, die sich an der historischen Produktionsstätte von Samstagmittag bis zum Sonntagmorgen ein Stelldichein gaben. Mit dabei: Altmeister Dr. Motte, der als Gründer der Loveparade am Abend die Party so richtig aufmischte und zeigte, dass er „es noch so richtig draufhat“. Zuvor hatten Bruno, M. Doll, Witt & Jagger und junge DJs von Brachiale Musikgestalter (BMG), Sascha Ewe und Oliver Beetz, gute Laune verbreitet.

Die Gattung der Techno-Fans gehört gemeinhin den Nachtschwärmern an. Das zeigte sich auch hier. So war der Publikumsbesuch noch bis in die späten Nachmittagsstunden sehr überschaubar. „Wir lernen daraus und fangen beim nächsten Mal später an“, so Veranstalter Ronny Wiedmer. Das tanzende Völkchen vor der Bühne war zwar schon bestens gestimmt, aber eben noch klein. Trotzdem schienen einige zu der Kategorie unermüdlicher Dauertänzer zu gehören. Die weitaus größere Anzahl tummelte sich lieber auf den großen Sitzkissen vor der Bühne, in der Freiluftlounge unter dem Red-Bull-Zelt oder vor den diversen Theken der Sponsoren. Eine ganze Fuhre Partyvolk entlud sich aus einem Großraumtaxi. So langsam kamen die Techno-Pilger in Bewegung.

Dafür sorgte als der österreichische Techno-DJ schlechthin Peter Niereich und puschte mit monotonen, treibenden Beats den Puls der Fans an. Eric Sneo ist der Multi-Techno-Künstler der Szene. Mit seinen anspruchsvoll komponierten Arrangements bereitete er den Boden für den gespannt erwarteten Auftritt von Dr. Motte, der kurz zuvor aus München eingeflogen wurde. Als der deutsche Techno-Papst die Bühne vereinnahmte und das Register seines Könnens am Musikpult zog, waren auch die letzten Fans auf den Beinen und jubelten tanzend zu den wummernden Klangteppichen – Freiluftparty pur, dem pünktlich um 22 Uhr mit einem Feuerwerk ein Ende gesetzt wurde. Dann ging es in der Glasfabrik, in der Halle für „Ein Herz für Party“ und dem Electronic-Tower der Brüder Scheffler weiter bis zum Morgen. Dort zauberten DJs wie A.N.A.L. (Alles nur aus Liebe), die mit ihrer ersten Show im Großraum Koblenz ihre Fans mit sauberem, intelligentem Sound begeisterten.

Nico Schwind und Channel X zeigten, dass sie nicht ohne Grund zum Kader von Techno-Star Oliver Koletzki gehören. Elmar Strahte überzeugte als Routinier. Aber auch neuere Künstler der Branche hatten hier ein Forum. So freute sich Kevin Kress aus Kripp unheimlich auf seinen Part in der Nacht. „In der Techno-Szene sind die Leute einfach grundsätzlich freundlich und entspannt – egal wo sie hinkommen, fühlen sie sich wie in einer Familie“, sagte der 24-Jährige. Sehr angetan von der Örtlichkeit zeigten sich Mitorganisatoren „Schängel“ Hans-Loop Adelfang-Krapp und Oliver Neufang aus Koblenz. „Das Areal hier mit seinen rauen Fabrikrelikten entspricht in bester Form dem, was den Ursprung des Techno ausmacht, und hat das Zeug zum Kult. Aber dieses Potenzial will erst noch entdeckt werden. Der Anfang ist gemacht“, sagte Adelfang-Krapp, der mit Neufang seit einigen Jahren Musikevents veranstaltet. So etwa die Electronic Circles in Trier, Ochtendung und Köln, das „Mega Force Festival“ im ehemaligen Palazzo Bingen oder den „Tag am und auf dem Rhein“.

Noch am Sonntagmorgen hatten einige Feierwillige Durchhaltevermögen. Die Bilanz bis dahin: Das DRK Bad Breisig musste zwei Drogen- und ein Alkoholopfer, ein paar Schnittwunden und Wespenstiche behandeln.

 

Schön war's (Interview Lob von Legende)

Dr. Motte | Industry of Sounds Festival Bad BreisigHerr Dr. Motte, wie finden Sie die Örtlichkeit des Festivals?

Hier wohnen Menschen, die Musik lieben und zu ihr tanzen wollen. Wenn wir sie zu einem freudigen großen Miteinander zusammenbringen ist das etwas, was der Gesellschaft in soziokultureller Sicht nutzt. Probleme habe ich damit, wenn es bei einer solchen Veranstaltung mit entsprechendem Line-up heißt: Um 22 Uhr ist draußen Schluss. Da könnte man auch mal eine Ausnahme machen und fünf gerade sein lassen. Wir brauchen eine Kultur des Zusammenlebens anstatt die totale Reglementierung. Und Techno fördert den Zusammenhalt und die menschliche Gemeinschaft als friedliche und freie Community.

Also sehen Sie auch hier einen guten Boden für die Techno-Kultur?

Wir haben bei der ersten Loveparade am 1. Juli 1989 mit 150 Leuten in Berlin angefangen. Zehn Jahre später waren es 1,2 Millionen. Das hatte und hat bis heute auch für das weltweite Image Berlins als kreative junge Stadt gesorgt. Die Haltung, wenn junge Menschen sich zum Tanzen und Feiern zusammenfinden, diese Angst, was kann da alles passieren, ist die falsche Grundeinstellung. Tanzen ist nicht böse. Das hier war ein sehr schöner Abend – viele Leute haben getanzt und waren glücklich. Wir machen weiter, weil wir nicht anders können. Potenziale gibt es überall, auch hier. ith

RZ Bad Neuenahr-Ahrw. vom Montag, 2. September 2013, Seite 15